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Lehr- und Lernforschung kann und soll nicht im Elfenbeinturm stattfinden. Sie ist dort angesiedelt, wo Kinder und Jugendliche lernen: In der Schule. Diese Informationen sind für Lehrpersonen gedacht, die sich dafür interessieren, woran im Arbeitsbereich Lehr- und Lernforschung an der ETH Zürich und verwandter Gruppen geforscht wird und wie dieses Wissen in der Schule eingesetzt werden kann.
Weitere Informationen: EducETH - das ETH-Kompetenzzentrum für Lehren und Lernen.
![]() Menschen lernen erfolgreich, wenn sie neue Informationen in ihr eigenes, bestehendes Wissen einbetten können. Lernwirksamer Unterricht beginnt deshalb bei den Schülerinnen und Schülern: Besitzen Lehrpersonen eine Ahnung vom Vorwissen, das Schüler in einem bestimmten Inhaltsbereich mitbringen, können sie Aufgaben und Erklärungen anbieten, die Möglichkeiten zur Anbindung an das Vorwissen erlauben. Der Begriff "fachspezifisches Pädagogisches Wissen" ist hier von
Bedeutung: Lehrpersonen sollten nicht nur ihr Fachgebiet und das
Einmaleins der Pädagogik beherrschen. Sie sollten auch die
Schwierigkeiten der Schüler beim Erwerb bestimmter Inhalte kennen. Ein
Beispiel: Müssen Schüler proportionale Konzepte wie Geschwindigkeit oder Stückpreis aus einem Graphen ableiten, so konzentrieren sie sich zunächst eher auf die Länge der Geraden statt auf ihre Steigung.
Koerber S (2003): Visualisierung als Werkzeug im Mathematik-Unterricht. Der Einfluss externen Repräsentationsformen auf proportionales Denken im Grundschulalter.Hamburg: Verlag Dr. Kovac |
![]() Man sollte den Vergleich zwischen früheren Forschern und Jugendlichen nicht strapazieren. Dennoch finden sich Ähnlichkeiten zwischen der Art, wie Wissenschafter früher Phänomene erklärten und den intuitiven Fehlvorstellungen heutiger Jugendlicher. Die Impetustheorie ist ein solches Beispiel: Bevor Newton die Physik revolutionierte, ging man davon aus, dass eine Bewegung nur möglich sei, solange eine Kraft auf einen Körper wirke – ein Vorstellung, die noch heute unter Jugendlichen und erwachsenen Laien weit verbreitet ist. Kennen Lehrer die Entstehungsgeschichte ihres Stoffgebietes, können sie besser auf Defizite ihrer Schüler reagieren - und verstehen ausserdem, dass 200 Jahre Fortschritt nicht in zwei Stunden Unterricht nachgeholt werden können. Bödeker, K. (2006): Die Entwicklung intuitiven physikalischen Denkens im Kulturvergleich. Waxmann. |
![]() Aus internationalen Vergleichsstudien und Schulexperimenten weiss man, wie Schüler gefesselt und bei der Stange gehalten werden: Man konfrontiert sie mit Anforderungen, die sie nicht auf Anhieb bewältigen können, für deren Lösung sie aber bereits Vorwissen mitbringen. Dieses Vorwissen lässt sich durch gezielte Übungs- und Gesprächsangebote gezielt aktivieren. Irrtümer und Fehler der Schüler werden dabei zugelassen und können von der Lehrperson konstruktiv genutzt werden. Die Schülerinnen und Schüler erhalten dadurch Gelegenheit, ihr bestehendes Wissen zu erweitern, zu revidieren und an die spezielle Anforderung anzupassen. Hardy, I., Jonen, A., Möller, K. & Stern, E. (im Druck). Effects of Instructional Support Within Constructivist Learning Environments for Elementary School Students' Understanding of "Floating and Sinking." Journal of Educational Psychology. |
![]() Viele Schülerinnen und Schüler erwerben in naturwissenschaftlichen Fächern nur ein sehr oberflächliches Verständnis des Stoffes. Dies deshalb, weil sie mit eigenen Vorstellungen von Naturphänomenen in den Unterricht kommen. Gewicht wird beispielsweise mit "schwer sein" gleichgesetzt. Wird nun die Vermittlung des Phänomens "Gewicht" hauptsächlich als Methodenfrage betrachtet, ist dies, als ob man ohne Wolle stricken würde. Zwar bietet sich in der Physik zum Beispiel eine Gruppenarbeit an, doch lernen die Schüler nur etwas dazu, wenn ihre Aufmerksamkeit auf die richtigen Inhalte gelenkt wird. Stern (2006). Inhalt statt Methode. Die Zeit, 17. PDF |
![]() Bearbeitet ein Schüler eine anspruchsvolle Aufgabe, fällt ein
wertvolles Nebenprodukt an: metastrategisches Wissen. Dieses Wissen
beinhaltet zum Beispiel die sorgfältige Überprüfung einer
Aufgabenstellung, bevor die Lösung abgerufen wird, oder die Fähigkeit,
mit Tabellen zu arbeiten. Diese Art von Metawissen kann sich in sehr
unterschiedlichen Lernkontexten entwickeln. Die direkte Instruktion
solcher Lern- und Denkstrategien ist nicht effizient (Gehirnjogging),
hingegen ist eine indirekte Förderung möglich: Aufgaben müssen so
gestellt werden, dass sie die Anwendung bestimmter Strategien nahe
legen. |
![]() Kaum ein anderes Lehrwerkzeug ist so weit verbreitet wie die Erklärung. Alexander Renkl von der Universität von Freiburg und seine Mitautor/innen fassen in einer neuen Publikation zusammen, welche Probleme Erklärungen mit sich bringen können. So zeigt die Forschung beispielsweise, dass Erklärungen dem Lernerfolg nicht förderlich sind oder ihn gar behindern:
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Renkl und seine Mitautor/innen haben aufgrund verschiedener Studien verschiedene Thesen aufgestellt, die Erklärungen beschaffen sein müssen, um den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zu fördern.
Erklärungen sollten
Renkl, A., Wittwer, J., Große, C., Hauser, S. Hilbert, T., Nückles, M., & Schworm, S. (2006). Instruktionale Erklärungen beim Erwerb kognitiver Fertigkeiten: Sechs Thesen zu einer oft vergeblichen Bemühung. In I. Hosenfeld & F.-W. Schrader (Hrsg.), Schulische Leistung. Grundlagen, Bedingungen, Perspektiven (S. 205-223). Münster: Waxmann.
![]() Es ist eine weit verbreitete Vorstellung, Lernende
könnten in "Visualisierer" und "Verbalisierer" eingeteilt werden. Diese
Aufteilung ist jedoch wissenschaftlich nicht begründet. Menschen
verfügen zur Bewältigung geistiger Anforderungen über eine grosse Zahl
spezieller Fähigkeiten und Strategien, die sie unterschiedlich gut
beherrschen. Neubauer, A. & Stern, E (2007): Lernen macht intelligent, DVA München. |
![]() Die Vorstellung, das Hirn könne trainiert werden, logisch, vernetzend
oder kreativ zu denken, hat auch die Lerninhalte der
Schulen beeinflusst. Eine Begründung für den Lateinunterricht ist
beispielsweise, dass dieser das logische Denken sowie den Erwerb von
Lernstrategien fördere – auch in anderen Fächern. Für diesen Transfer
des logischen Denkens gibt es jedoch keine empirische Evidenz. Im
Gegenteil: Sie wurde von Haag und Stern 2003 widerlegt. Ähnliche
Resultate brachten Untersuchungen aus der Mathematik: Selbst bei
Mathematikaufgaben, denen die gleiche Formel zugrunde liegt, können auf
Seiten der Lernenden so unterschiedliche Wissensstrukturen aktiviert
werden, dass die Gemeinsamkeiten gar nicht erkannt werden. |
![]() Unterschiede zwischen der Intelligenz von Individuen
und damit der Lernfähigkeit stellen eine besondere Herausforderung an
die Schulen dar. Einerseits sind sich die Schüler nicht ähnlich genug,
um von gleichen Lerngelegenheiten in gleichem Masse zu profitieren.
Andererseits sind sie sich zu ähnlich, um eine rigorose Trennung zu
rechtfertigen. Ganz allgemein gilt, dass der Erfolg von
Bildungssystemen daran gemessen werden kann, wie erfolgreich sie mit -
zu einem grossen Teil genetisch bedingten - interindividuellen
Unterschieden umgehen. Der Anspruch auf einen gleichen Lerngewinn muss
deshalb aufgegeben werden. Neubauer, A. & Stern, E (2007): Lernen macht intelligent, DVA München Zum Buch... |
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